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Spielerisch interkulturell Lernen in Jugendbegegnungen

In der non-formalen Bildung sind Spiele ein integraler Bestandteil der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wissens-, Kooperations- und Vertrauensspiele sollen die Kooperationsbereitschaft und Solidarität unter jungen Menschen fördern und eine gute Gruppendynamik ermöglichen. Aber worin besteht ihr Beitrag im Kontext internationaler Kinder- und Jugendbegegnungen? Welche Art Spiele eignen sich besonders gut für das interkulturelle Lernen?

 

Wie junge Menschen aufeinander zugehen

 

Bei einer internationalen Begegnung ist der erste Kontakt zwischen Kindern oder Jugendlichen aus zwei oder mehr Ländern nicht immer einfach. Sie kennen sich noch nicht und sprechen die Sprache des anderen entweder gar nicht oder nur sehr wenig. Daher sind die Anfänge interkultureller Begegnungen oft von Zurückhaltung geprägt. Spiele wie „Ice-Breaker“ oder Namens- und Wissensspiele ermutigen junge Menschen, den ersten Schritt zu machen, um einander etwas kennenzulernen. Wenn diese Schwelle erst einmal überschritten ist, können die Kontakte zwischen den jungen Menschen durch Kooperations- und Vertrauensspiele gestärkt werden. Gemeinsame Erlebnisse bringen junge Menschen zusammen und festigen den Gruppenzusammenhalt.

 

Auf dem Weg zur interkulturellen Öffnung

 

In der lokalen Jugendarbeit ist es geläufig, mit dieser Art von Spielen zu arbeiten. Auf internationaler Ebene sind sie jedoch von ganz besonderer Bedeutung: Indem die Spiele dabei helfen, das Vertrauen zu stärken und den Austausch zu erleichtern, schaffen sie günstige Voraussetzungen für interkulturelle Offenheit und interkulturelles Lernen. Aber was versteht man eigentlich unter „interkulturellem Lernen“? Es ist ein „individueller Prozess des Erwerbs von Wissen, Einstellungen oder Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Interaktion mit verschiedenen Kulturen“ (Europarat, Europäische Kommission: T-kit Interkulturelles Lernen, 2001, S. 17).

 

Die folgenden Beispiele aus der Praxis internationaler Begegnungen, die die AWO gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation aus Frankreich, Les Francas, organisiert, zeigen, wie interkulturelles Lernen spielerisch gefördert werden kann.

 

Was uns trennt, was uns verbindet

 

Bei einer deutsch-französisch-polnischen Begegnung für Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren mussten die Teilnehmenden darüber nachdenken, was sie mögen (Gericht, Schulfach etc.) oder was sie gerne machen (Musikinstrument spielen, Sport treiben, Berufswunsch usw.). Anschließend sollten sie ihre Antworten auf Post-its zeichnen, die sie auf eine Landkarte ihres Herkunftslandes klebten. Nachdem sie die Karten im Raum aufgehängt hatten, verbanden die Kinder mit den gleichen Antworten ihre Post-its mit einem Faden, der in Frankreich begann, durch Deutschland führte und in Polen ankam. So diskutierten sie ihre Interessen und ihre Gewohnheiten und erfuhren, dass sie zwar verschieden waren, aber dennoch viele Interessen teilten.

 

Dieses Spiel fördert durch das Nachdenken über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie durch die Wertschätzung von Vielfalt die Entwicklung interkultureller Sensibilität. Interkulturelles Lernen findet hier vor allem auf der Wissens- und Einstellungsebene statt.

 

Da dieses Spiel keine Kenntnisse der anderen Sprache erfordert, eignet es sich auf gut für Kinder. Viele Spiele lassen sich übrigens sehr gut an jede Altersgruppe anpassen. Bei Jugendbegegnungen können die Jugendlichen aufgefordert werden, das entsprechende Wort unter der Zeichnung zu notieren und alle Wörter in einem Wörterbuch zusammenzufassen... und so wird dieses Spiel zu einer Sprachanimation (einer vom Deutsch-Französischen Jugendwerk entwickelte Methode).

 

Stereotype und Vorurteile

 

Ein anderes Spiel, „Stereotype“, wird oft in deutsch-französischen Jugendbegegnungen gespielt. Es fördert die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Stereotypen. Die Jugendlichen zeichnen in mononationalen Gruppen die Umrisse eines Mitglieds ihrer Gruppe auf ein großes Papier und schneiden die Silhouette in zwei Hälften. Auf der einen Seite schreiben sie alles auf, was sie typisch für ihr Herkunftsland halten; auf der anderen Seite das, was sie typisch für das andere Land halten. Dann tauschen die beiden Gruppen eine Hälfte ihrer Silhouette aus. Das Ergebnis sind zwei neue Silhouetten: Die eine gruppiert deutsche und französische Vorurteile gegenüber Frankreich und die andere deutsche und französische Vorurteile gegenüber Deutschland. Das Spiel endet mit einer Präsentation und einer anschließenden Diskussion.

 

Die Wiederherstellung der Silhouetten ermöglicht beiden Gruppen eine unterschiedliche Sicht auf sich selbst und die anderen. Ziel des Spiels ist es nicht, Vorurteile zu bekämpfen, sondern auf ihre Existenz aufmerksam zu machen, sie zu diskutieren und eine selbstkritische Haltung einzunehmen. Oft werden die Vorurteile von den Teilnehmenden selbst relativiert. Es liegt an den Moderator*innen zu erklären, dass Stereotype auch eine Funktion haben: Sie helfen, die Komplexität der uns umgebenden Realität zu reduzieren und die Unsicherheit zu minimieren, die wir in uns unbekannten Situationen erleben. Sie erleichtern somit die Wahrnehmung unserer komplexen Welt.

 

Teamer*innen – interkulturelle Mediator*innen

 

Die Teamer*innen haben eine vermittelnde Rolle zwischen den Teilnehmenden der zwei oder drei beteiligten Länder. Durch Spiele und gemeinsame Aktivitäten regen sie den gegenseitigen Austausch unter den Teilnehmenden an. Aber sie geben ihnen auch Raum für Freizeit oder Rückzugsmomente.

 

Im Internet gibt es eine Vielzahl von Spielen, die bei internationalen Kinder- und Jugendbegegnungen eingesetzt werden können.

 

Die AWO und Les Francas – eine lange Tradition der Zusammenarbeit

Der AWO Bundesverband und die Fédération Nationale des Francas bieten regelmäßig vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) geförderte pädagogische Fortbildungen für Teamer*innen an, die in den internationalen Jugendaustausch  Begegnungen einsteigen oder ihre Kenntnisse in diesem Bereich vertiefen möchten.

 

Mit Unterstützung des DFJW werden in der AWO und bei den Francas regelmäßig deutsch-französische und trilaterale Begegnungen für Kinder und Jugendliche in Frankreich und Deutschland durchgeführt.

 

 

Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin der Francas: Cameraderie, Nr. 306, 2014 (S. 20-21). Er wurde verfasst und aus dem Französischen übersetzt von Christin Lübbert.

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