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Für mehr Fragezeichen!

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Von: Christian Burmeister

Wie Freiwilligendienste fit für Demokratie machen.

Politikverdrossen, selbstbezogen, desinteressiert – die oft bemühte „Jugend von heute“ hat mitunter keinen guten Ruf. Doch die Schelte der heranwachsenden Generationen ist nicht nur ein alter Hut, sondern auch unzutreffend. Ja, viele Jugendliche sind verstärkt verunsichert und politikverdrossen. Das bedeutet aber nicht, dass sie an den Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens desinteressiert wären. Es bedeutet vielmehr, dass wir für die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, stets neue konzeptionelle und methodische Wege finden müssen.

Freiwilligendienste gegen Politikverdrossenheit

Die Freiwilligendienste bieten hierfür einen starken Rahmen: für politische Bildung jenseits von didaktisch-moralischer Bewertung und Lebenswirklichkeitsferne. Kritische Vermittlung, lebensweltorientierte Projektarbeit und kooperative Lernformen sind der methodische Schlüssel zu einer politischen Bildung im Freiwilligendienst, die junge Menschen anspricht.

Auch deshalb ist die politische Bildung fester Bestandteil der Bildungsarbeit im FSJ und BFD bei der AWO. Dahinter steht der Anspruch, den vornehmlich jungen Freiwilligen politische und soziale Beteiligungs- und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und sie zu praktischer Mitgestaltung zu ermuntern. Darum wird in den begleitenden Bildungstagen der praktische Einsatz reflektiert und in Zusammenhang gebracht mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe, von Armut und Reichtum oder Nachhaltigkeit. Dazu gehört auch, Geschichte und Werte der AWO zu vermitteln. Und gerade heute sind diese Werte – Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit – aktueller denn je.

Wertvolle Einblicke

Die Motivationen der Teilnehmenden für ein FSJ oder einen BFD sind so verschieden wie die Teilnehmenden selbst. Die vordergründige Hauptmotivation liegt oft in der Orientierung und Persönlichkeitsbildung. Die Einsatzstellen und die Träger vermitteln den Freiwilligen aber „nebenbei“ wertvolle Einblicke in die Bedeutung von zivilgesellschaftlichen Strukturen, von professionellen Diensten und deren politischer Bedeutung und Abhängigkeit von und für demokratische Zusammenhänge. Die Reflektion dieser Zusammenhänge innerhalb der Bildungsarbeit lässt sich exemplarisch an aktuellen Themen im Sozial- und Erziehungswesen oder an den konkreten Problemlagen der Klient*innen aufgreifen. Der Freiwilligendienst ist darüber hinaus geeignet, junge Menschen an soziales Engagement heranzuführen.

Demokratie-Erfahrung wird in der Bildungsarbeit auch über die ganz praktischen Aushandlungsprozesse innerhalb des Seminargeschehens gesammelt. Konfliktmanagement und Teilhabe sind feste Bestandteile der Partizipation im Bildungsprozess. Sowohl gegenüber der Seminarleitung als auch zwischen den Gruppenteilnehmenden werden Ziele und Bedürfnisse diskutiert und um einen Konsens oder Kompromiss gerungen.

"Da steckt politische Bildung drin"

Auch indirekt „steckt in vielen Seminarthemen politische Bildung drin“. Soziale Arbeit, und damit die Tätigkeitsfelder der Freiwilligen, wird durch gesellschaftliche und politische Einflüsse geprägt. Ob Kultur oder Diskriminierung, Inklusion, Erziehung, Pflege und Demenz, Kinderrechte, Konsumverhalten und Medien, Konfliktmanagement oder die Themen Tod und Sterben (um nur einige zu nennen!) – dabei geht es implizit immer auch um die gesellschaftlichen und politischen Normen, Werte und Rahmenbedingungen (Gesetze, Finanzen und Strukturen).

Allerspätestens aber kommt politische Bildung dann ins Spiel, wenn es um die Gründe und Auswirkungen von sozialen Notlagen geht. Die Soziale Arbeit im Sinne einer Menschenrechtsprofession leitet bereits zur expliziten politischen Bildung über. Das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ verbindet somit die Lebens- und Arbeitswelt der Freiwilligen mit der expliziten Form des Politischen.

Explizit politische Fragestellungen

In den Seminaren der AWO-Träger werden daher explizit politische Fragestellungen zu sozialer Gerechtigkeit aufgegriffen. Die Freiwilligen werden angeregt, über Zukunftsfragen nachzudenken und Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. Sie sollen sich zu verschiedenen Themen ihre eigene Meinung bilden. Ihnen werden Handlungsspielräume für eigene Aktivitäten aufgezeigt und sie werden motiviert, sich für ihre eigenen Interessen und die ihrer Mitmenschen einzusetzen. Die Freiwilligendienste bieten so eine große Chance für die Weiterentwicklung der Demokratiefähigkeit und die Förderung von sozialem Engagement in der Gesellschaft. Die politische Bildung kann nicht nur die Fähigkeit des*der Einzelnen fördern, Mittel und Wege zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne der eigenen Interessen zu gestalten, sondern darüber hinaus den Gedanken der Solidarität bestärken.

Impulse statt Vorgaben

Wichtig ist dabei aber: Politische Bildung muss Fragen bei den Teilnehmenden hervorrufen und darf nicht durch vorgegebene Antworten jegliches Interesse ersticken. Politische Bildung gibt Impulse und soll die Teilnehmenden für politische Zusammenhänge sensibilisieren und interessieren. Ihre Ziele dürfen nicht affirmativ sein, sondern müssen Alternativen denkbar machen und gesellschaftliche Prozesse kritisch auf ihren solidarischen und emanzipatorischen Gehalt hinterfragen. Dementsprechend werden mit den Freiwilligen AWO-Positionen als ein möglicher Ansatz diskutiert, der auch kritisch hinterfragt werden kann und soll.

Die Inhalte der politischen Bildung sollten sich an den Lebenswelten der Teilnehmenden orientieren und ihre Methoden sollten kooperativ und projektorientiert sein. Fragezeichen produzieren, nicht Ausrufungszeichen setzen: Das muss unser Ansatz sein!

 

Dieser Text ist eine aktualisierte und angepasste Version des Thesenpapiers von Christian Burmeister, Koordinator für FSJ und BFD beim AWO Landesverband Hamburg.

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