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"Falten sind Falten?" Wie die AWO Pflege queeren will

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Von: Jennifer Rotter

LSBTI* wollen im Alter nicht wieder für Gleichbehandlung kämpfen müssen. Ein AWO-Projekt soll dabei helfen.

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Proteste in der Christopher Street den Kampf um Gleichberechtigung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI*) in eine größere Öffentlichkeit trugen. Die LSBTI* dieser Generation sind unter den ersten, die sich öffentlich outeten und für Gleichstellung eintraten.

Heute sind die Pionier*innen über 60 - und wollen nicht wieder die alten Kämpfe führen müssen. „Ich musste mich in der Vergangenheit mehrfach outen - bei der Familie, bei Freund*innen, bei Arbeitgeber*innen“, sagt Reingard Wagner, „und es ist sehr anstrengend, sein Leben lang gezwungen zu sein, sich zu erklären. Ich möchte das im Alter einfach nicht immer noch tun müssen.“

Wagner teilt diesen Wunsch mit vielen: Geschätzt leben ungefähr eine Million Menschen in Deutschland, die über 65 Jahre alt sind und sich als LSBTI* identifizieren. So unterschiedlich sie sind, eint sie in der Regel eins: Sie haben in ihrem Leben Diskriminierung, vielleicht sogar Gewalt und Strafverfolgung erlebt, weil sie sind, wer sie sind. Diese Erfahrungen wollen sie im Alter nicht erneut durchleben.

Seit einigen Jahren entstehen deshalb auf Initiative queerer Verbände und Institutionen besondere Angebote für pflegebedürftige LSBTI*. Sie sind ein wichtiger Schritt, bislang aber vor allem in Metropolregionen angesiedelt. Eine flächendeckende und wohnortnahe Öffnung der bestehenden Altenhilfeeinrichtungen? Bisher gibt es das kaum.

Ein Projekt der AWO soll das ändern helfen: „Queer im Alter - Öffnung der Altenhilfeeinrichtungen der AWO für die Zielgruppe LSBTI“.

Reingard Wagner vom Vorstand des Dachverbandes Lesben und Alter e.V. sitzt im Beirat von „Queer im Alter“. „Wir wurden am Anfang oft gefragt, warum es so ein Projekt braucht. Und natürlich: Falten sind Falten. Aber alle Menschen möchten, dass ihr individuelles Leben im Alter wahrgenommen und respektiert wird“, sagt sie, „und genau darum geht es uns auch.“

Im Alter sind LSBTI* dieser Generation oft stärker auf professionelle Unterstützung angewiesen - weil zum Beispiel die familiäre Bindung fehlt oder sie häufiger kinderlos geblieben sind. In Pflegeheimen aber bleiben sie häufig unsichtbar oder ziehen sich sogar zurück: aus Angst vor neuer Ablehnung.

An dieser Stelle setzt die AWO an. „Queer im Alter“ soll dazu beitragen, in Altenhilfeeinrichtungen ein diskriminierungsfreies Umfeld für LSBTI-Personen zu schaffen. Ein Umfeld, das von Akzeptanz gegenüber den jeweiligen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten geprägt ist und den damit verbundenen Lebensformen und -weisen respektvoll begegnet.

Die AWO will ihre Einrichtungen und Angebote vielfaltssensibel, inklusiv und offen für Alle gestalten. „Queer im Alter“ ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel: Im Modellprojekt, das bis Anfang 2021 läuft, werden Fortbildungslehrgänge und eine Musterkonzeption zur Öffnung der Altenhilfeeinrichtungen für LSBTI entwickelt und an sechs Modellstandorten in ganz Deutschland erprobt. Von Beginn an sind queere Senior*innen-Verbände in das Projekt eingebunden. Die Ergebnisse werden wissenschaftlich evaluiert und schließlich als Handbuch den anderen Wohlfahrtsverbänden zur Verfügung gestellt. Denn ein offenes, diskriminierungsfreies Betreuungsklima soll eben kein exklusives Merkmal einiger weniger Einrichtungen bleiben, sondern ganz im Gegenteil: Normalität.

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