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Bürgerschaftliches Engagement muss allen Menschen offen stehen

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Von: Ragnar Hoenig

Eine lebendige Demokratie gibt es nur mit bürgerschaftlichem Engagement
Bürgerschaftliches Engagement kann viele Gestalten annehmen: Ehrenamt, freiwilliges Engagement, Selbsthilfe oder auch die Sonderform der Freiwilligendienste. Gemein ist jeder dieser Formen von Engagement, dass sie für viele Menschen einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens darstellen. Es ist für sie nicht nur eine Freizeitoption, sondern Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Zugleich sind Engagement und Übernahme von Verantwortung für andere elementare Grundvoraussetzungen für eine lebendige Demokratie. 

 

Fast jede*r zweite Bürger*in ist freiwillig engagiert
In diesem Sinne engagieren sich 43 Prozent der Wohnbevölkerung in Deutschland im Alter ab 14 Jahren freiwillig. Egal ob Bürgervereine, der Flüchtlingshilfe oder Tier- und Naturschutz: Die Handlungsfelder des bürgerschaftlichen Engagements sind breit und vielfältig. 

 

Doch arme Menschen können nicht so einfach teilhaben
Doch das bunte Bild täuscht. Denn seit geraumer Zeit ist belegt, dass von Armut betroffene oder bedrohte Menschen sich viel seltener engagieren. Armut führt nicht nur in Fragen von Bildungs- und Arbeitsmarktteilhabe, Gesundheit oder Wohnen zu sozialer Ungleichheit, sondern auch im bürgerschaftlichen Engagement. Zwar beschreibt die Bundesregierung im 5. Armuts- und Reichtumsbericht unterschiedliche Maßnahmen zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements, wie z. B. vergünstigte Eintrittspreise oder Auszeichnungen. Ferner hebt sie die besondere Bedeutung von Freiwilligenprojekten im Kontext von Armut hervor, wie z. B. Lesepat*innen in sozialen Brennpunkten. Der Zusammenhang zwischen Armut und fehlendem bürgerschaftlichen Engagement wird hingegen nicht ausreichend beleuchtet. Im Gegenteil: Eine Studie zur Frage des politischen Einflusses von armen und reichen Menschen wurde nachträglich wieder aus dem Bericht gestrichen. 

 

Eine Studie der AWO hat die Zusammenhänge untersucht
Die AWO erfüllt die mangelnde Teilhabe armer Menschen am bürgerschaftlichen Engagement mit Sorge. Denn wenn ganze Gruppen, Milieus, Personen in gleichen Lebenslagen in den demokratisch-partizipativen Prozessen des bürgerschaftlichen Engagements und in der politischen Beteiligung unterrepräsentiert sind, dann stellt sich die politische Legitimation dieser Prozesse in Frage. Die AWO hat deshalb Anfang 2017 eine eigene, umfassende Analyse vorgelegt und sich darin auch sehr eingehend mit dem Zusammenhang von Armut und bürgerschaftlichem Engagement auseinandergesetzt. 

 

Die Förderung von Engagement darf die soziale Ungleichheit nicht verstärken 
Ein wichtiges Ergebnis der AWO-Armutsursachenanalyse ist: Die Förderung von Engagement darf die soziale Ungleichheit nicht verstärken. Die vielfältigen Formen des bürgerschaftlichen Engagements sind die Grundlage für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Deshalb muss die Eigenverantwortung des Einzelnen gefördert und gestärkt werden. Ferner darf bürgerschaftliches Engagement nicht als Lückenbüßer in Fragen der Armutsbekämpfung, Bildung, Integration, Gestaltung lebenswerter Quartiere, Pflege, Gesundheit, Inklusion und für zusammengestrichene Leistungen missverstanden werden. Bürgerschaftliches Engagement kann und darf die Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur nicht ersetzen. Schließlich braucht Bürgerschaftliches Engagement gute Rahmenbedingungen. Die Partizipationsmöglichkeiten zur Gestaltung bürgernaher Demokratie müssen deshalb ausgeweitet, eine verantwortungsvolle Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik betrieben und die Infrastrukturen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements ausgebaut werden.

Dies ist ein Blogpost im Rahmen des AWO-Wahlcountdowns 2017. Die Wochen vor der Wahl begleitet die AWO mit ihrem Wahlcountdown: 12 Forderungen an die Politik, eingebettet in 12 Themenwochen. Dieser Blogpost ist Teil der Themenwoche "Bürgerschaftliches Engagement".

Alle Themenwochen des Wahlcountdowns gibt es hier.

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