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"Wie leicht ist das Leben, wenn man immer in der Norm ist!"

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Intersexuelle Menschen sind nach wie vor mit Diskriminierung und struktureller Gewalt konfrontiert. Wer muss sich eigentlich anpassen? Ein Interview zur Lebenssituation intersexueller Menschen mit Lucie Veith.

Lucie Veith, Sie waren lange Bundesvorsitzende*r des Verbandes Intersexueller Menschen e.V. und schulen heute Menschen, die intersexuelle Personen und deren Angehörige beraten. Was ist Ihr Ziel?

Ich möchte, dass sich die menschenrechtliche Situation von intergeschlechtlichen Menschen verbessert und eine volle Teilhabe möglich ist. In den letzten Jahren hat sich zwar einiges getan - z.B. die dritte Option im Personenstandsgesetz - und manche Menschen denken: „Was wollen die denn jetzt noch!?“, aber es gibt sehr vieles, das noch nicht zufriedenstellend geregelt ist. Wir wollen vor allem und zu allererst körperliche Unversehrtheit. Denn Intersexualität ist keine Krankheit, sondern eine völlig normale Variation des Lebens. Intergeschlechtliche Menschen hat es immer gegeben - sie wurden nur anders benannt: Zwitter, Hermaphroditen usw.

Trotzdem werden nach wie vor  Kinder mit „uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen“ in Deutschland operiert.

Ja, und deren Eltern in den Strukturen allein gelassen. Und wir reden hier von struktureller Gewalt, auf die niemand wirklich schaut. Was ist denn zum Beispiel mit einem Kind mit einer Besonderheit, die vorgeburtlich das Genital etwas vermännlichen lässt und dafür sorgt, dass dieses Kind mit einer großen Klitoris auf die Welt kommt? Dieses Kind ist gesund - und dennoch wird dieses Kind genital beschnitten werden. Das ist heute noch bei mehr als 50% dieser Mädchen der Fall. Wie verträgt sich das mit dem Verbot von Genitalverstümmelung in Deutschland? Wobei ja sowieso ganz merkwürdig ist, dass ein Großteil aller intergeschlechtlichen Kinder feminisiert wird. Das sagt ganz viel über Macht und Fantasien aus: Was wird da übertragen? Da wird ein Kind sexualisiert mit der Fantasie eines Erwachsenen, wie dieses Kind heteronormativ benutzt werden oder benutzen könnte. Wir möchten, dass Kinder selbst entscheiden. Wir sind keine OP-Gegner, wir verteufeln auch die Medizin nicht. Eine gute Versorgung ist wertvoll und ein intersexueller Mensch braucht genauso eine gute Versorgung wie jeder andere Mensch auch. Aber bitteschön: mit aufgeklärter, freier Einwilligung.

Also stellen Sie die grundsätzliche Frage, wer sich eigentlich wem anpassen muss?

Ja. In der Norm zu sein, stellt eine ganz hohe Privilegierung dar. Diejenigen, die diese Privilegierung haben, sind sich dessen überhaupt nicht bewusst. Wie leicht ist das Leben, wenn man immer in der Norm ist! Die Diskussion ähnelt doch sehr den Diskussionen um Selbstbestimmung und Rechte von Menschen mit Behinderungen. Muss ich z.B. einem Kind ohne Hörvermögen wirklich ein Implantat machen? Oder hat die Familie, wenn sie das vorzieht, nicht vielleicht viel eher das Anrecht auf eine gebärdensprachliche Ausbildung und das Recht, überall mit Sprachmittlung teilnehmen zu können? Inklusion haben wir erreicht, wenn alle mitmachen können. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Die, die nicht der Norm entsprechen, dürfen halt mal ein bisschen mitmachen und müssen versorgt werden, aber eine Gleichwürdigkeit haben wird dort nicht. Und ich denke, dass das die einzig vernünftige Lösung sein wird: Wie begegne ich einem Menschen? Gleichwürdig, weil wir gleich in Würde sind. Wenn ich das anerkenne als Haltung, kann ich auch ganz andere Perspektiven mitnehmen.

Braucht es bessere Gesetze zum Schutz intersexueller Menschen?

Es reicht nicht, ein Gesetz zu schaffen. Wir brauchen Rechtswirklichkeit, die jeder einzelne Mensch spüren kann. Und wenn es nur eine einzige Person wäre, die das zu spüren bekäme, hätte das eine Rechtfertigung. Wir gucken immer so auf die Zahlen: Ist das eine Minderheit, ist das Minderheitenpolitik? Neulich war ich auf einer Veranstaltung, bei der ein junger Politiker aufstand und sagte, er werde diese Minderheitenpolitik nicht mitmachen, er könne es nicht mehr hören! So einen Satz kann nur jemand sagen, der sehr privilegiert ist, sehr wenig Reflexion betreibt und mit geschlossenen Augen durch die Welt geht. Denn es geht hier schließlich um das Leben von Menschen. Um deren körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung, Teilhabe, ihre Menschenwürde. Es ist doch ganz einfach: Wenn ich über rot gehe und erwischt werde, werde ich bestraft. Genau das will ich auch, wenn die Würde eines anderen Menschen verletzt wird. Das ist nicht Überregulierung, sondern Gerechtigkeit.

Wo sehen Sie im Moment noch blinde Flecken, um die man sich kümmern müsste?

Wir brauchen ein Verbot genitalverändernder Operationen an Kindern. Um über Geschlecht und Geschlechtlichkeit selbst bestimmen zu können, muss sich das Begehren gebildet haben. Ich muss wissen, was ich will, ich muss wissen, wer ich bin. Das weiß ich nicht mit sechs Jahren. Natürlich muss ich gehört werden, wenn die Pubertät einsetzt und die körperliche Entwicklung auf eine Weise verläuft, die belastet und ein Leiden auslöst. Dann muss es möglich sein, diese Entwicklung mit Hormonen zu stoppen, um ein bisschen Zeit zu gewinnen, eine eigene Entscheidung entwickeln zu können, die dann evtl. später in einer Veränderung des Körpers endet. Das wäre ein Gewinn für transgeschlechtliche Kinder, denn da ist ja alles ungeregelt. Bislang wird denen unter Umständen ein fürchterliches Verfahren aufgebürdet, dass meiner Meinung menschenrechtlich nicht haltbar ist. Wenn ich diesen Kindern stattdessen aufzeigen würde: Du darfst sein, wer Du bist, und das ist in Ordnung so – Niemand hat das Recht, Dich auszugrenzen, weil du bist, wie du bist - das würde so viel Druck und Leid verhindern. Wir müssten nur erklären, dass „Geschlecht“ keine zwei Schuhkartons sind, in die man nur von links nach rechts und von rechts nach links hüpfen kann, sondern dass Geschlecht etwas ist wie zwei Pole mit einer langen Strecke dazwischen, dann wäre viel gewonnen.

Wo haben intersexuelle Menschen noch nicht die volle Teilhabe?

Das fängt doch schon im Kreißsaal an, wenn ihr Leben als „nicht in der Norm“ festgestellt wird und damit ein Wust an Operationen und Interventionen beginnt. Auch die Eltern werden bestraft, indem sie von einem Arzt zum anderen geschickt werden und ihnen gesagt wird, dass mit ihrem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Die Medizin ist sowieso problematisch. Nehmen sie mich: Meine Eltern haben chromosomal einen eher männlichen Menschen gezeugt, ich habe xy-Chromosomen. Wahrgenommen wurde ich aber von Geburt an eher als weiblich. Deshalb wurden mir z.B. meine Hoden genommen - nicht allerdings die Prostata. Eine regelhafte Vorsorgeuntersuchung bekomme ich aber nicht, denn meine Krankenkasse übernimmt das nicht. Ich finde nicht einmal einen Arzt, der das untersuchen kann. Und wenn ich meine Hormone brauche, weil ich gonadektoniert bin, gibt es jedes Mal wieder dasselbe Theater: Entweder ich kann das Rezept nicht einlösen oder ich bekomme das Rezept gar nicht erst, weil Testosteron in so hoher Dosierung für einen „weiblichen“ Menschen so ungewöhnlich ist.

Sie sitzen u. A. im Beirat des AWO-Projektes „Queer im Alter“. Warum braucht es besondere Angebote für LSBTI-Personen?

Wir brauchen keine besonderen Einrichtungen, wir brauchen eine andere Willkommenskultur und Signale einer menschenrechtlichen Haltung. Da braucht es Fortbildungen für die Menschen in den Einrichtungen und in der Pflege. Ich bin der Mensch und die Person. Es gibt überhaupt kein Problem und ich will auch keine Kampflinie aufmachen, darum geht es nicht. Ich möchte einfach behandelt werden wie jeder andere Mensch auch, ich will nicht mehr, ich will einfach nur in die Privilegierung rein. Und ich weiß, dass das mein Grundrecht ist. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die AWO sich auf diesen Weg macht. Sie setzt damit wieder einen neuen Mosaikstein zu einer besseren Versorgung und einer besseren Welt. Davon werden auch alle anderen profitieren: egal, woher sie kommen, wie sie aussehen, wie alt sie sind, wie krank sie sind - wenn wir wirklich erreichen, dass wir Gleichwürdigkeit in die Pflege bekommen, wird die Situation für uns alle besser. Außerdem glaube ich, dass es auch für die AWO als Arbeitgeberin ein Gewinn sein könnte, nach außen zu signalisieren: Hier ist jeder Mensch willkommen. Ich würde ja auch eher eine Pflege von einem Dienstleister in Anspruch nehmen, wenn ich weiß, dass ich mich nicht wieder erklären muss, und wenn klar ist, dass die Organisation, die die Dienstleistung anbietet, nicht diskriminiert bzw. klare Regeln für den Fall hat, dass es doch zu Diskriminierung kommt. Das wird alles nicht von heute auf morgen gehen, es wird ein Prozess sein, aber um diesen Prozess geht es. Und ich freue mich, dass ich daran mitwirken kann, weil es mich natürlich auch betreffen wird. Mir macht das Hoffnung.

 

 

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