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Schulden-Pandemie?

Die Pandemie treibt viele Menschen in Existenznöte. Wie geht es nach Corona weiter? Interview mit Marco Rauter, Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung der AWO Südost e.V. (Berlin).

 

Das zurückliegende Jahr war für viele Menschen finanziell schwierig zu stemmen und immer wieder liest man Warnungen, dass eine Armuts- und Insolvenzwelle auf uns zukommt. Wie sind Ihre Erfahrungen in der Praxis und was ist Ihre Prognose?

Die prognostizierte Armuts- und Insolvenzwelle wird auf uns zukommen. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen das deutlich. So waren die Folgen der Finanzkrise ab 2007 noch Jahre zu spüren. Da waren bereits alle Banken durch „Rettungsschirme“ lange gerettet, aber die Kund*innen hatten diese finanziellen Folgen noch über Jahre zu tragen.

Die Insolvenzwelle hat aber auch noch eine andere Ursache. Mit dem neuen Jahr ist das neue Insolvenzrecht in Kraft getreten. Eine Restschuldbefreiung ist nun schon nach 3 Jahren (36 Monaten) möglich. Da das bekannt war, haben nur noch vereinzelte Schuldner im 2. Halbjahr 2020 den Antrag auf Restschuldbefreiung bei den jeweiligen Amtsgerichten gestellt. Wir hier in unserer Beratungsstelle im Bezirk Berlin Neukölln (Träger ist die AWO Berlin Kreisverband Südost e.V.) merken deutlich einen Anstieg. Im Vergleich zwischen Juni 2019, also weit vor einer Pandemie, und Juni 2021 haben wir hier 14,2% mehr Beratungen durchgeführt. Die Anfragen kommen aus allen Personengruppen. So kommen vermehrt Klient*innen, bei denen „vor Corona“ außergerichtliche Lösungen möglich waren, zurück in die Beratung.

Durch den Wegfall von Arbeitsplätzen und Hinzuverdienstmöglichkeiten können die vereinbarten Raten nicht mehr gezahlt werden. Also werden diese Vereinbarungen durch die Gläubiger aufgekündigt und alles beginnt von vorne. Auch aus dieser Gruppe werden nun verstärkt Klient*innen den Weg über ein Insolvenzverfahren gehen müssen. Dazu kommt eine ganz neue Klientel: viele Verbraucher*innen, die bislang keine finanziellen Probleme hatten, geraten nun infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie plötzlich in finanzielle Schieflage, weil sie seit Monaten in Kurzarbeit sind oder arbeitslos werden.

 

Wie wichtig sind die Schuldnerberatungsstellen und sind sie auskömmlich finanziert bzw. gibt es genug von ihnen, um den Ratsuchenden flächendeckend ein auskömmliches Angebot zu machen? Wenn nein: Was bräuchte es aus Ihrer Sicht?

Gemeinnützige soziale Schuldnerberatungsstellen sind sehr wichtig. Rettungsfonds, Corona-Hilfspakte stellen nur in Ausnahmefällen eine tatsächliche Hilfe dar. Eine gute Wirtschaftshilfe ist, „gutem Geld nicht noch schlechtes hinterherzuwerfen“, sondern durch eine auskömmlich finanzierte soziale Schuldner- und Insolvenzberatung für eine nachhaltige Entschuldung zu sorgen und damit die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Neustarts zu schaffen. Voraussetzung dafür ist eine bedarfs- und flächendeckende sozialen Schuldnerberatung in der gesamten Republik.

 

Was wünschen Sie sich von der nächsten Bundesregierung mit Blick auf Ihr Arbeitsthema?

Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung,

- dass ein Recht und zwar für Jedermann auf eine gemeinnützige soziale Schuldnerberatung besteht,

-  dass soziale Schuldnerberatungen bedarfsdeckend dauerhaft ausfinanziert werden,

- die Einführung einer aussagekräftigen Statistik und

- die Abkehr von der Individualisierung dieser Problematik. In eine solche Überschuldungssituation kann wirklich Jede*r geraten, das hat die Pandemie ja nun mehr als deutlich gezeigt.

 

Vielen Dank für das Interview!

Über unseren Interviewpartner

Zur Seite der Schuldner- und Insolvenzberatung der AWO Südost e.V. (Berlin): https://www.xn--awo-sdost-u9a.de/beratung-und-hilfe/awo-schuldner-und-insolvenzberatung.

Weiteres zur Bundestagswahl

Die AWO begleitet die 12 Wochen bis zur Wahl unter dem Motto „Deutschland, Du kannst das!“ mit sozial- und gesellschaftspolitischen Forderungen an die kommende Bundesregierung. Dieses Interviews wurde im Rahmen der Themenwoche „Neuanfang nach und mit der Pandemie“ veröffentlicht. Mehr dazu unter: https://awo.org/bundestagswahl-2021

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