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Mehr Zeit für Familie: AWO fordert ein neues Verhältnis von Erwerbs- und Sorgearbeit

Von: Jana Teske

 

Alle Menschen sind im Laufe ihres Lebens mal mehr mal weniger existenziell darauf angewiesen, dass sich andere Menschen verlässlich und verbindlich um sie kümmern. Insoweit ist auch unsere Gesellschaft nicht überlebensfähig ohne Fürsorge (Care), d.h. dass Menschen für andere und für sich selbst sorgen. Dennoch sind viele Probleme für Familien bei der Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf nach wie vor ungelöst. Mit der Corona-Krise haben sie sich stattdessen teilweise noch zugespitzt. Vor allem die während der letzten Jahrzehnte gestiegenen Erwerbsquoten von Frauen und Müttern und die dadurch entstandenen Care-Lücken sind nicht ausgeglichen worden. Unterschiedliche einzelne Regelungen bieten keine angemessene Lösung der Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf, gelten mit vielseitigen Beschränkungen, bieten lediglich fragmentarisch Unterstützung oder stehen für nur einen eingeschränkten Personenkreis zur Verfügung. Darüber hinaus reduzieren komplizierte und aufwändige Antragsverfahren die Inanspruchnahme erheblich. Eine Planbarkeit von Fürsorgearbeiten im Lebensverlauf ist so nicht möglich, zumal nur ein Teil dieser Zeitoptionen mit Lösungen in Bezug auf das damit verbundene fehlende Erwerbseinkommen verbunden ist.

Ungeachtet des Werts und der gesellschaftlichen Relevanz der Care-Tätigkeiten wurde und wird also auf die Beschäftigungsfähigkeit aller Erwachsenen – nun auch der Frauen – fokussiert. Damit einhergehend fehlt es in Familien zunehmend an Zeit und in der Folge an Gestaltungs-, Priorisierungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in Bezug auf die Erbringung von Fürsorgeaufgaben. Die Folgen sind häufig Überlastung, Erschöpfung und Armut.

Es mangelt an neuen sozialpolitischen und gesellschaftlichen Modellen für eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit. Im Gegenteil ist Care bis heute eine im dominanten industriell-kapitalistischen, ökonomischen Diskurs und im wirtschaftlichen Handeln vernachlässigte Dimension. Die Verantwortung für Familie und Sorgearbeit muss endlich als gesellschaftliche Aufgabe anerkannt werden.

Daher fordert die AWO eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Organisation von Care. Ziel muss sein, gesellschaftliche und politische Veränderungsprozesse für eine angemessene Berücksichtigung und gleichzeiti­ge Aufwertung der Fürsorgearbeit herbeizufüh­ren. Statt wie bisher Einzellösungen umzuset­zen, braucht es aus Sicht der AWO dazu ein verständliches und am Lebenslauf orientier­tes Gesamtsystem, das Menschen ermöglicht, ein Leben nach ihren Vorstellungen selbstbestimmt zu führen und dabei Fürsorge erbringen und empfangen zu können. Verbunden damit ist die Forderung nach einem systematisch neuen Verhältnis von Erwerbsarbeit und anderer Arbeit. Menschen brauchen einen Rechtsanspruch auf Zeit für Care, d.h. Sorge für andere Menschen und Selbstsorge und dabei Verlässlichkeit und Planbarkeit im gesamten Lebensverlauf. Im Fokus sollen dabei auf der einen Seite die Selbstbestimmung des Menschen über die eigene Lebensplanung und –gestaltung und auf der anderen Seite eine biografisch betrachtete Solidarität stehen. Hinzu kommen die geschlechtergerechte Verteilung von Care-Arbeit und der Blick auf das Wohl der Kinder und der pflege- und unterstützungsbedürftigen Angehörigen.

Sorgearbeit für sich und andere war, ist und bleibt die Basis gesellschaftlichen Wohlergehens und wirtschaftlicher Entwicklung.

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Die AWO begleitet die 12 Wochen bis zur Wahl unter dem Motto „Deutschland, Du kannst das!“ mit sozial- und gesellschaftspolitischen Forderungen an die kommende Bundesregierung. Dieser Artikel wurde im Rahmen der Themenwoche „Starke Familien“ veröffentlicht. Mehr dazu unter: https://awo.org/bundestagswahl-2021

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