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„Es muss nicht immer nur gelacht werden“

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Von: Jennifer Rotter

Aus Krankenhäusern kennt man den Einsatz von Doktoren-Clowns vor allem für kranke Kinder. Aber Clowns für Senior*innen oder demente Menschen: Ist das angemessen? Frau Hilgartner sagt: mehr als das! Sie ist einer der ersten ausgebildeten Pflegeclowns in Rheinland-Pfalz. Ein Gespräch über die Macht von geteilter Freude – und gemeinsamer Trauer.

Liebe Frau Hilgartner: Wie wird man ausgerechnet Pflegeclown?

Ich wollte mich ehrenamtlich für alte Menschen engagieren. Zunächst habe ich das in Form von Hausbesuchen bei Demenzkranken gemacht, aber das war mir auf die Dauer zu gefährlich. Man weiß ja nie, was passiert, nachdem man die Wohnung verlassen hat. Ich wollte deshalb lieber eingebettet sein, zum Beispiel in ein Pflegeheim. Wenn ich da merke, dass es jemandem schlecht geht, weiß ich: Ich muss nur den roten Knopf drücken und es kommt auf jeden Fall jemand, der helfen kann. Inzwischen bin ich seit fast neun Jahren jeden Dienstag bei der AWO. Zuerst  hatte ich dort eine Gruppe, mit der ich gesungen, gebastelt oder gespielt habe. Irgendwann wurde ich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, eine Ausbildung zum Pflegeclown machen. Damals war ich total überrascht und konnte mir überhaupt nichts darunter vorstellen. Aber ich habe dann einfach mal zugesagt und alles auf mich zukommen lassen. Es stellte sich heraus: Das war genau das, was ich schon immer gesucht habe.

Wie kann man sich eine Clownsausbildung vorstellen?

Die Ausbildung hat insgesamt ein Jahr gedauert. Wir hatten eine Reihe an Wochendendseminaren, in denen uns unsere ganz tolle Ausbilderin Vera Apel-Jösch unheimlich viel beigebracht und uns sensibilisiert hat. Das ging von Pantomimik bis zur Frage, wie man die Menschen am besten anspricht und was man vermeiden sollte. Danach haben wir in Koblenz bei erfahrenen Clowns hospitiert, die als ausgebildete Doktorenclowns z.B. in den Krankenhäusern arbeiten. Erst danach durften wir allein in den Einsatz gehen.

Bei so einer Ausbildung zum Clown muss man ja vermutlich ganz schön aus sich herausgehen, oder?

Genauso ist es! Wenn ich vorher gewusst hätte, was man alles so tun soll, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Das kann ich doch nicht! Es war nicht einfach, aber es hat letztlich unheimlich Spaß gemacht. Wir haben vor allem gelernt, jede Situation zu meistern. Von der Ausbilderin haben wir z.B. ein Stichwort bekommen: „Nun macht mal was daraus“. Wir können uns ja im Einsatz nicht vorbereiten, weil wir nie wissen, wie die Tagesform der Menschen ist. Aber ohne Singen zum Beispiel geht eigentlich nie etwas.

Wie genau kann man sich so einen Einsatz vorstellen? Sind Sie geschminkt und verkleidet?

Ja, das sind wir. Meine Outfits habe ich mir alle selbst gebastelt. Als Clown bin ich „Olga“, und mein Markenzeichen ist die Farbkombi rot-weiß. Ich habe ein altes Leinenkleid umfunktioniert, mit Herzen und Blumen und meinem Namen auf dem Rücken. Nase, Wangen und Mund sind ein wenig rot betont, aber ansonsten sehen wir nicht aus wie ein Zirkusclown. Einmal die Woche treffen wir uns so mit den Ehrenamtskoordinatorinnen Isabel Neubauer und Heike Jennewein  für die „Lagebesprechung“. Danach gehen wir zuerst – wir sind meistens zu zweit unterwegs – zu denjenigen auf die Zimmer, die sich nicht oder nicht mehr gut bewegen können. Sie haben absoluten Vorrang, wir versuchen, immer so viele wie möglich von ihnen zu besuchen. Danach geht es weiter in die Wohnbereiche. An denen kommen wir auch gar nicht vorbei, weil wir dort immer schon erwartet werden.

Wie ist die Wirkung auf die Menschen?

Unvorstellbar. Bei unseren ersten Besuchen gab es noch eine große Skepsis vom Pflegepersonal. Sie hatten Angst, dass wir ihnen die Leute aufmischen. Aber nach drei, vier Wochen sind sie uns nachgelaufen: „Könnt ihr nicht noch da und da hin gehen, die würden sich so freuen!“ Wir kommen im Haus im Moment gar nicht vollständig herum, obwohl wir in Rheinland-Pfalz die einzigen sind, die wöchentlich gehen.

Wie bauen Sie den Kontakt mit den Menschen auf?

Eine große Hilfe sind uns dabei unsere Ehrenamtskoordinatorinnen, die wir seit ein paar Jahren haben. Die sind sowas von toll und absolut nicht mehr wegzudenken! Immer für uns da und mit uns unterwegs. Sie haben die Listen, wo wir reingehen können und wo man im Moment jemanden nicht besuchen kann oder sollte. Das macht es uns natürlich sehr einfach.

Und wir gehen immer ganz vorsichtig vor und fragen zunächst: Dürfen wir reinkommen? Dürfen wir uns vorstellen? Da merkt man ja schon, wie die Reaktion ist. Und wenn wir merken, da freut sich jemand nicht oder guckt z.B. weg, dann ziehen wir uns wieder höflich zurück. Wir wissen auch beispielsweise, dass zwei, drei Bewohner im Haus uns überhaupt nicht mögen. Da achten wir darauf, dass sie nicht im Wohnbereich sind, wenn wir da hinein kommen. Wenn doch, gehen wir erst einmal weiter. Wir bewegen uns immer auf der Gefühlsebene des Bewohners und denken uns in denjenigen hinein: Wo steht diese Person gerade? Wir sind zwar auch lustig und singen, aber wenn jemand total traurig ist, dann müssen wir uns ganz klar auf diese Ebene begeben. Wenn jemand traurig ist, dann ist der Clown auch traurig. Es muss nicht immer nur gelacht werden. Aber es ist immer schön, wenn wir dann gehen und die Menschen sind wieder gut gelaunt. Jetzt waren wir gerade bei einer Frau, die kenne ich noch aus meiner Bastelgruppe. Sie war total am Ende, hat geweint. Warum? Sie hat etwas gesucht. Da haben wir dann eben mitgesucht und sie getröstet, und als wir gegangen sind, sagte sie: „Naja, so wichtig war das ja gar nicht.“ Das sind so kleine Erlebnisse, die mir sehr viel geben. Ich bin zwar auch körperlich total kaputt nach so einem Dienstag, aber es ist Balsam für die Seele.

Bei Clowns denken die meisten Menschen wahrscheinlich an alberne Witze und Klamauk. Was Sie erzählen, klingt überhaupt nicht danach.

Absolut! Bei den Clowndoktoren in den Krankenhäusern ist ja bereits bekannt, dass sie unheimlich viel bewirken. Ich sehe, dass es bei den Senioren auch so ist. Der Pflegeclown hat überhaupt nichts gemein mit dem Zirkusclown. Wir sind mit sehr viel Gefühl unterwegs. Wir nähern uns allen Bewohnern sehr vorsichtig und sehr sanft. Wir sind immer höflich. Es wird niemand zwangsbespaßt.

Wenn Sie sagen, dass ein Pflegeclown sehr viel bewirken kann: Was meinen Sie damit genau?

Es gibt inzwischen Bewohner, die begleiten uns durch’s ganze Haus oder warten unten am Empfangsbereich auf uns, bis wir zurückkommen, um uns da noch einmal zu treffen. Die dementen Bewohner kommen aus sich heraus, reden, interagieren mit uns. In bestimmten Stadien der Demenz sitzen viele Erkrankte oft einfach nur so da, lassen den Kopf hängen und tun gar nichts mehr. Wir haben meist Handpuppen dabei, die da sehr viel bewirken. Zum Beispiel funktioniert eine höfliche, auch körperliche Annäherung über diese Puppen. Ich streiche mit ihnen über die Hand, sage Hallo und schaue: Wie reagiert die Person auf Berührung? Viele reagieren auf diese Puppen sehr sensibel, werden wach und sind plötzlich da. Wenn man durch die Pflegeclowns so viel in den Menschen bewirken kann, kann das eben auch heißen, dass letztlich weniger Medikamente zum Einsatz kommen.

Zwei ehrenamtliche Pflegeclowns spielen Akkordeon für eine Seniorin

Die Pflegeclowns "Olga" Marianne Hilgartner und "Fritz" Norbert Reisinger zu Besuch bei einer Bewohnerin eines Pflegeheims.

Gibt es ein Erlebnis, das ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Die beeindruckendste Begegnung hatte ich mit einer Autistin. Diese Frau saß immer an einem Tisch, mit ihren Buntstiften ordentlich vor sich aufgereiht. Ich habe versucht, Kontakt zu kriegen, aber beim ersten Mal: überhaupt nichts. Beim zweiten Mal war ich wieder mit meinem Kollegen Norbert Reisinger als Clown "Fritz" da, der ein kleines Instrument dabei hatte und spielte. Die Pflegekräfte standen alle dabei und haben geguckt, wie sich das entwickelt. Da springt sie von ihrem Stuhl auf und saust auf mich los – die Pfleger standen alle Habacht, sie wussten ja nicht: Reißt sie mir jetzt die Ohrringe ab oder die Haare vom Kopf? Da springt sie auf mich zu, packt mich bei den Händen und tanzt mit mir. Seitdem ist das Eis gebrochen. Sie erwartet mich. Wenn sie mich nur mit meinem Koffer vorbeilaufen sieht, steht sie schon bereit. Da muss ich mich immer beeilen, das Instrument rauszuholen, damit wir anfangen können. Zu dem Lied musste ich ein paar Strophen dazu erfinden, damit es länger dauert…

Man merkt, dass Ihnen diese Arbeit viel Freude macht. Man würde ja vermuten, dass der Umgang mit dementen oder sterbenskranken Menschen psychisch belastend und emotional sehr schwierig sein kann.

Das ist es manchmal auch. Man muss ja z.B. lernen, mit dem Tod umzugehen. Viele, die ich regelmäßig besucht habe, sind inzwischen verstorben. Aber: Wenn wir jemandem, der schwer krank ist, noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern, oder wir erleben, dass Menschen, die sich lange nicht mehr gerührt haben, plötzlich die Augen öffnen oder uns winken…mehr kann man doch eigentlich gar nicht haben.

Wie sieht Engagement bei der AWO aus? Wie kann ich selbst aktiv werden? Im Vorfeld der AWO Aktionswoche 2018 nehmen wir das Engagement bei der AWO unter die Lupe. Und vom 16. bis 24. Juni heißt es dann wieder: Echte Vielfalt. Echtes Engagement. Echt AWO. Alle Blogartikel, Themen, Infos und Aktionen gibt es hier: ECHT AWO.

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