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"Es ging nie darum, bloß zu lindern."

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Mely Kiyak ehrte auf dem AWO Neujahrsempfang Marie Juchacz und Lotte Lemke.

2019 jähren sich zwei historische Ereignisse, die untrennbar miteinander verwoben sind: 100 Jahre Frauenwahlrecht, 100 Jahre Arbeiterwohlfahrt. Verbunden sind beide Zäsuren in der deutschen Geschichte durch eine einzige Person: Marie Juchacz.

Die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt war gleichzeitig die erste gewählte Abgeordnete, die vor einem deutschen Parlament sprach, und zuvor eine der Pionierinnen, die für das Wahlrecht der Frauen gestritten hatten. In der AWO folgten ihr Frauen nach, die ähnlich unbeirrbar und entschlossen für ein soziales Miteinander eintraten - Frauen wie Lotte Lemke, die spätere Vorsitzende der AWO. Ihr wohl bekanntester Ausspruch, in dem sie „humanitäres Handeln aus politischer Verantwortung“ heraus begründet, bringt das Selbstverständnis der AWO bis heute auf den Punkt.

Auf dem Neujahrsempfang des Bundesverbandes am zurückliegenden Dienstag ehrten die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles und die Autorin Mely Kiyak diese Frauen und ihre Bedeutung für die deutsche Geschichte. Mely Kiyak sagte in ihrer Festrede über Juchacz und Lemke: „Beide Frauen, also Marie Juchacz und Lotte Lemke, zeichnet etwas aus, das mir als Frau, Bürgerin, Autorin, einfach als Mensch, sehr gut gefällt. Nämlich ihre Unbeirrtheit. Damit meine ich eine Form der Zielstrebigkeit, die meint, dass man so konsequent, so standhaft, ja, so unbeirrt einen Weg einschlägt und verfolgt, vollkommen ungeachtet des persönlichen Risikos, an Leib und Leben beschädigt zu werden.“

Auch Andrea Nahles rief den kämpferischen Geist von Marie Juchacz in Erinnerung und spannte den Bogen bis in die Gegenwart. Denn von Geschlechtergerechtigkeit könne auch in unserer Gegenwart - angesichts von Gender Pay Gap oder dem niedrigen Anteil von Frauen in wirtschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen - lange nicht die Rede sein. Was vor 100 Jahren errungen wurde, war nur der Anfang eines langen Kampfes um Gleichberechtigung, der auch noch immer mit gleicher Kraft geführt werden muss.Mely Kiyak führte in ihrer Rede eine These aus, die so prägnant wie folgenreich ist: Solidarität ist weder Luxusgut noch endliche Ressource. In den Biografien von Marie Juchacz und Lotte Lemke sieht Kiyak dieses Prinzip praktisch umgesetzt:
 

Hilfe, die sich entlang politischer, nationaler, ethnischer oder religiöser Linien abgrenzt, ist irgendetwas, aber nicht Solidarität.

Mely Kiyak

„Bei Lotte Lemke lernen wir, dass der Kreis der Hilfsempfänger so weit wie möglich gefasst werden muss, damit so viele wie nötig davon profitieren können. So ein Gedanke verbietet automatisch das Hierarchisieren von Bedürftigkeit. (...) Hilfe, die sich entlang politischer, nationaler, ethnischer oder religiöser Linien abgrenzt, ist irgendetwas, aber nicht Solidarität. (...)Ein Mensch, der hilft, ist jemand, der sich erreichbar macht und empfänglich zeigt für den Zustand der Welt. Vielleicht, weil er sich im Gegenüber auch immer selber erkennt. Weil er ahnt, dass er das selbst sein könnte. Es gibt ja diesen Spruch, dass das Licht, das man für einen Anderen anzündet, immer auch den eigenen Weg mit beleuchtet.“

Doch darin erschöpfte und erschöpft sich die Arbeit der AWO nicht, weder damals noch heute - Hilfe zur Selbsthilfe, um in den bestehenden Verhältnissen bestmöglich leben zu können: Ja. Aber darüber hinaus auch der unbedingte Wille von Frauen wie Marie Juchacz oder Lotte Lemke, die Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Denn, so Kiyak: „Es ging nie nur darum bloß zu lindern, sondern auch immer darum, nachhaltig zu wirken. Die Strukturen zu verändern.“

Der Blick zurück auf 100 Jahre Frauenwahlrecht und 100 Jahre Arbeiterwohlfahrt zeigt, wie erfolgreich dieser Wunsch nach Veränderung zum Besseren sein kann, wenn er abstrakte Werte wie Solidarität und Gleichheit in praktischem sozialen Wirken umsetzt. Der Weg in die Zukunft muss sich weiter durch diesen Willen leiten lassen.

Oder, wie es das Motto des AWO Jubiläumsjahres auf den Punkt bringt:

Erfahrung für die Zukunft.

#wirmachenweiter.  

100 Jahre AWO

2019 wird die AWO 100 Jahre alt. Im Jubiläumsjahr schauen wir in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Verbandes. Hier geht es zur Kampagnenseite.

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