AWO Blog

Von der Versehrtenpolitik zur Teilhabe - dem AWO-Pionier Kurt Partzsch zum 110. Geburtstag

Seite drucken

Von: Maike Beutler

Mit großer Spannung blickten die Delegierten der Bundeskonferenz in Hannover der Rede von Kurt Partzsch entgegen. Was war geschehen? Das Ende einer Ära war besiegelt: Lotte Lemke, die die Arbeiterwohlfahrt seit der Weimarer Zeit gestaltete, gab den Staffelstab des Bundesvorsitzes 1971 bei der besagten Konferenz an Partzsch ab, die Delegierten wählten ihn zum neuen Vorsitzenden.

 

Lemke hinterließ große Fußstapfen, die Diskussion um die zeitgemäße Ausrichtung der AWO im Konzert der Wohlfahrtsverbände war in vollem Gange. Partzsch hob bezüglich der Rolle der Freien Wohlfahrtspflege hervor: „Sie ist kein Lückenbüßer, wie manche sie sehen, sondern ein starker eigenständiger unverzichtbarer Teil der Wohlfahrts­pflege neben der öffentlichen.“

Kurt Partzsch beschrieb die zentrale Herausforderung „sich an zeitgemäßen, gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen zu orientieren und den sich ständig wandelnden Hilfsbedürfnissen mit zeitgemäßen Mitteln zu entsprechen“. Diese Aussage könnte auch heute als tagesaktueller AWO-Tweet veröffentlicht werden. Unter Kurt Partzsch wurden entsprechend dieser Formulierung in den nächsten Jahren inhaltliche Impulse und Beiträge gesammelt, die 1975 in das erste Fachpolitische Programm der AWO einflossen. Das Programm fungierte quasi als Visitenkarte der fachlichen Verbandspositionen und kann getrost als „Vorfahre“ des aktuellen AWO Grundsatzprogrammes bezeichnet werden. In den Leitsätzen zur Entwicklung und zur Praxis sozialer Hilfen wurden Forderungen zu einem relativ neuen Aufgabengebiet der AWO, den „Hilfen für Behinderte“  formuliert. So wurde beispielsweise gefordert, dass „jeder Behinderte […] einen gesetzlichen Anspruch auf umfassende und differenzierte Habilitations- und Rehabilitationsleistungen haben muss.“

Behindertenpolitik fokussierte sich bis weit in die 1960er Jahre auf den Ansatz der Versehrtenpolitik für vom Krieg Betroffene, dabei insbesondere auf Männer. Zunehmend wurde die Unterscheidung zwi­schen Kriegs- und Zivilbehinderten aufgehoben und um die Perspektive von Frauen und auch Kindern erweitert.

Philipp Kufferath und Jürgen Mittag stellen in ihrer Publikation zur AWO Geschichte fest: „Während seitens des Staats bis in die frühen 1970er Jahre noch die Vorstellung eines indi­viduellen Funktionsdefizits im Hinblick auf Erwerbsfähigkeit und Produktivität dominierte, bezog die Arbeiterwohlfahrt frühzeitig reformorientierte Positionen. Im Sinne des Leitbildes eines gleichberechtigten Lebens wurde nicht nur die berufliche Rehabilitation sondern auch die gesellschaftliche Eingliederung gefördert. Im Laufe der 1970er Jahre hatte die Arbeiterwohlfahrt ihre Posi­tionen in der Behindertenpolitik dahingehend weiterentwickelt, dass immer stärker integrative Positionen bezogen wurden.“

Ergänzend wird die Pionier-Rolle von Kurt Partzsch bezüglich konkreter Teilhabeforderungen beleuchtet: „Vor allem das Internationale Jahr der Behinderten 1981 wurde genutzt […]. Als Bundesvorsitzender betonte Kurt Partzsch, dass bei »der Planung neuer Einrichtungen […] mehr als früher überlegt werden [müsse], ob solche Hilfen für Behinderte sich nicht an andere Dienste angliedern ließen. Die Arbeiterwohl­fahrt habe mit ihren Einrichtungen viele Beispiele dafür, wie Be­hinderte und Nichtbehinderte gemeinsam Urlaub machen oder in denselben Kindergarten gehen.« Zugleich warnte er davor, Körper­behinderte durch gesonderte Einrichtungen auszugrenzen und forderte, dass »in jedem Schulbezirk zumindest eine Schule jeder Schulart auch für Körperbehin­derte zugänglich sein« muss.“ An dieser Stelle wird einerseits deutlich, dass Partzschs Forderungen (in der AWO) nichts an Aktualität eingebüßt haben und anderseits welch weiter Weg bezüglich der Inklusion immer noch vor uns liegt.

Lieber Kurt Partzsch, was würdest Du mir wohl heute zum Thema „digitale Teilhabe“ auf den Weg geben? Wie gerne würde ich mit Dir bei einem „lean coffee“ Ideen sammeln und auf Deinen 110. Geburtstag anstoßen…

Zum Hintergrund: Kurt Partzsch wurde am 26. Juli 1910 geboren. 1946 wurde er Mitglied der Arbeiterwohlfahrt. Er führte den Verband als Bundesvorsitzender von 1971 bis 1983. Von 1983 bis zu seinem Lebensende 1996 begleitete er die AWO als Ehrenvorsitzender.

Portrait Kurt Partzsch

Empfehlen Sie diese Seite weiter:

Laden...

© 2020 AWO Bundesverband e.V.