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„Das Thema Tod ist sehr lebendig bei mir“

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Von: Jennifer Rotter

Frau Baumgärtner ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Hospizdienst der AWO Stuttgart. Wie erleichtert man Menschen den letzten Weg und was macht das mit einem selbst? Ein Gespräch.

Liebe Frau Baumgärtner, Sie sind 56 Jahre alt und haben vor fünf Jahren ihr erstes Ehrenamt angetreten: als Sterbebegleiterin im Humanistischen Hospizdienst Stuttgart. In unserer Gesellschaft ist der Tod ein stark tabuisiertes Thema. Wie kommt man da darauf, ausgerechnet so ein Ehrenamt auszuüben?

Das Thema Tod hat mich schon lange beschäftigt. Ich wünsche mir, dass die Menschen lernen, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Ich habe mir immer überlegt: Wie ist das, wenn ein Mensch stirbt – wie geht er? Was hilft ihm, leichter zu gehen, und was macht es ihm schwerer? Und was stelle ich mir denn eigentlich selbst vor? Was passiert nach dem Tod? Passiert überhaupt irgendetwas? Das liegt sicher auch mit daran, dass meine Oma gestorben ist, als ich sehr jung war, und das kein schöner Tod gewesen ist. Aber der eigentliche Auslöser war das Sterben meines Schwiegervaters. Er ist im Krankenhaus verstorben, und es war schrecklich. Meine Schwiegermutter, mein Mann und ich, wir sind uns so allein vorgekommen. Wir wussten einfach gar nicht: Was geht denn jetzt da vor? Was passiert da überhaupt? Und es hat sich eigentlich niemand um uns bemüht oder uns etwas erklärt oder sich einfach mal eine halbe Stunde mit uns hingesetzt. Das gab es alles nicht. Das fand ich furchtbar und dachte: Eigentlich dürfte das niemand so erleben müssen. Und so habe ich mir überlegt, dass ich das ausprobieren möchte, so eine Hospizarbeit – aber ich war ziemlich blauäugig. Man stellt sich das vielleicht theoretisch vor, aber die Praxis ist dann eine völlig andere Welt.

Was war denn die Diskrepanz zwischen dem, was Sie sich theoretisch vorgestellt hatten, und dem, wie es dann praktisch war?

Die Diskrepanz lag in den großen Emotionen. Auf der einen Seite die emotionale Anstrengung, auf der anderen Seite die Menschen, die man begleitet, die einem unheimlich viel zurückgeben. Das kann man sich einfach vorher nicht vorstellen, wenn man das noch nicht gemacht hat.

Was meinen Sie damit genau?

Die Menschen, die man begleitet, schenken einem oft große Dankbarkeit. Häufig entwickeln sich auch wunderbare Gespräche. Und man spürt sehr stark, wie bedeutsam Zuwendung ist. Ich lerne für mich jedes Mal etwas dazu, nehme immer etwas mit. Mir rücken diese Erfahrungen die Perspektive gerade. Ich beobachte mich dann später im Alltag und denke: Mensch, über so etwas regst Du Dich jetzt auf? Schau doch mal bitte genau hin. Wertigkeiten haben sich bei mir ganz stark verschoben.

Wie gehen Sie mit der emotionalen Belastung um?

Wir haben eine neunmonatige Ausbildung bekommen. Dort sind wir in Gesprächen und Rollenspielen sehr gut vorbereitet worden. Eines der wichtigsten Dinge, die wir lernen, ist Abgrenzung – aber ohne Kälte. Man muss in der Lage sein, eine gewisse Distanz zu wahren und trotzdem Wärme zu geben. Das ist für mich jedes Mal eine Herausforderung. Mal gelingt es mir gut und mal weniger gut. Natürlich ist das immer auch abhängig von der Situation und davon, was den einzelnen Menschen stark berührt. Wenn man eine besondere Ebene oder Beziehung zu jemandem gefunden hat, ist es natürlich schwieriger, sich abzugrenzen. Aber: Wenn man merkt, dass eine Begleitung einen sehr mitgenommen hat, muss man sagen: nee, ich mache jetzt einen Monat Pause. Man lernt, auf sich zu achten, in der Balance zu bleiben, in sich hineinzuspüren: Wo stehe ich gerade, auch in meinem eigenen Leben? Wir haben diese Freiheit, und das tut uns gut. Danach ist man wieder bereit.

Und wie genau läuft eine Sterbebegleitung ab?

Das ist immer unterschiedlich und hängt sehr stark davon ab, wer mir begegnet. Bin ich da, weil die Angehörigen mich brauchen? Oder bin ich für denjenigen gerufen worden, der sterben wird? Häufig wenden sich die Pflegeheime an den Hospizdienst. Aber ganz langsam gibt es auch ein Aufbrechen, dass Krankenhäuser oder Privatpersonen sich melden. Ich habe das Gefühl, da bewegt sich etwas und verändert sich zum Besseren. Auch der Zeitraum der Begleitung ist sehr unterschiedlich. Schade ist, dass man oft sehr spät dazu geholt wird. Wenn jemand schon im Sterbevorgang oder kurz davor ist, ist die Zeit, die man miteinander hat, natürlich sehr begrenzt, und damit auch das, was ich tun kann. Manche Sterbende können schon nicht mehr kommunizieren, da geht es dann über andere Dinge: Mag er Musik? Hat er vielleicht einen Draht zu einer bestimmten Musikrichtung? Dann versucht man, den Kontakt über die Musik herzustellen. In anderen Situationen hilft die Berührung. Wenn man merkt, dieser Mensch findet es wohltuend, wenn man die Hand hält – dann reicht das schon aus, damit er spürt: Da ist jemand. Bei den Angehörigen ist es das Sprechen: Was passiert jetzt? Darf ich Sie anrufen? Bleiben Sie bei uns? Dazu gehört auch, einfach mal zu lachen. Ich sage immer: Erzählen Sie mir etwas über diesen Menschen. Was war besonders schön oder besonders lustig mit dieser Person? Dann kommen die Menschen ins Erzählen, was enorm entlasten kann. Meistens braucht man genau so viel Zeit und Ohr für die Angehörigen wie für denjenigen, der gehen wird.

Hat sich durch das Ehrenamt Ihr eigenes Verhältnis zum Tod verändert?

Es verändert sich jedes Mal, und immer in eine andere Richtung, habe ich manchmal das Gefühl. Für mich gehört der Tod heute viel mehr zum Leben dazu. Auch in meiner Familie ist er inzwischen häufig Gesprächsthema. Wir sprechen viel freier darüber, weil er einfach nicht mehr so furchtbar ist. Das ist auch ein Geschenk, das ich bekommen habe. Andere sagen oft zu mir: Oh Gott, was machst Du? Das ist ja schrecklich. Aber das stimmt nicht. Und ich möchte auch, dass das für mich so bleibt. Dieses ganze Thema Tod ist sehr lebendig bei mir. Die Angst kann einem das natürlich nicht ganz nehmen. Ich verstehe zwar jetzt die Abläufe, wenn man stirbt, die biologischen Vorgänge. Das hilft, bestimmte Dinge einzuordnen. Aber egal, wie oft man das miterlebt: In dem Moment, wo mein eigener Tod mich erwartet, werde ich genauso Furcht spüren wie alle anderen auch.

Mit Ihrer Erfahrung durch die Begleitungen – haben Sie den Eindruck, es gibt etwas, das man für ein „gutes“ Sterben tun kann, um einen leichteren Abschied zu haben?

Ich glaube, dass die Altlasten, die ein Mensch mit sich herumträgt, es oft schwer machen. Dinge, die nicht bereinigt sind, oder die einen stark geprägt haben. Zum Beispiel schlimme Kriegserlebnisse. Ich glaube, dass diese Dinge am Ende unseres Lebens alle wieder hochkommen. Das ist auch das, was ich mitgenommen habe: Soweit es mir möglich ist, möchte ich die Dinge bereinigen oder klarstellen, damit ich am Ende nicht mit ihnen kämpfen muss.

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Wie sieht Engagement bei der AWO aus? Wie kann ich selbst aktiv werden? Im Vorfeld der AWO Aktionswoche 2018 nehmen wir das Engagement bei der AWO unter die Lupe. Und vom 16. bis 24. Juni heißt es dann wieder: Echte Vielfalt. Echtes Engagement. Echt AWO. Alle Blogartikel, Themen, Infos und Aktionen gibt es hier: ECHT AWO.

 

 

Der Humanistische Hospizdienst Stuttgart

Der Humanistische Hospizdienst Stuttgart der AWO Stuttgart, der AWO Württemberg und der Humanisten Württemberg hat im März 2010 die erste ehrenamtliche Hospizgruppe ausgebildet. Die hier ausgebildeten Ehrenamtlichen werden in der Begleitung Schwerstkranker eingesetzt und fachlich betreut. Er ist einer der ersten Hospizdienste der Region, der nicht in kirchlicher Trägerschaft ist. 2016 wurde er mit dem Lotte-Lemke-Preis der AWO ausgezeichnet.

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