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Letzte Änderung am 13.05.2008
 
 

IV. Ein Armutskonzept für Kinder und Jugendliche

[Textauszug ISS-Zwischenbericht Kapitel 4.3]

Die Kapitel 3.1 bis 4.1 haben deutlich gemacht, daß es in den letzten Jahren eine Vielzahl an Publikationen zum Thema Armut und den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen im allgemeinen gab. Ebenfalls zunehmende Bedeutung hat die theoretische Kindheitsforschung erlangt (vgl. u.a. James/Jenks/Prout 1998).

Es hätte eigentlich angenommen werden können, daß ein Armutskonzept für Kinder und Jugendliche bereits entwickelt beziehungsweise auf sie übertragen worden wäre. Dem ist jedoch nicht so. Selbst umfangreiche Literaturstudien lieferten kein Konzept, auf das die AWO-ISS-Studie hätte zugreifen können.

Im folgenden sollen deshalb die Grundpfeiler eines adäquaten Armutskonzepts für die Betroffenengruppe "Kinder und Jugendliche" entwickelt werden. Dies ist eine Pionierarbeit und stellt bereits die zentrale erste Leistung der ISS-AWO-Studie dar. Die Diskussions- und Entwicklungsarbeit war nur möglich durch eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Ansätzen sozialwissenschaftlicher Forschung (Armuts- und Kindheitsforschung sowie Bourdieuscher Ansatz) und zahlreichen empirischen Arbeiten (u.a. den eigenen Vorarbeiten in Form der Experteninterviews) sowie der intensiven Diskussion innerhalb des ISS-Projektteams.

A) Grundbedingungen

Als erstes ist die Frage zu stellen, welche Kriterien oder Grundbedingungen diese Armutsdefinition erfüllen sollte. Es ist von folgenden Prämissen auszugehen:

  1. Die Definition muß vom Kind beziehungsweise vom Jugendlichen ausgehen (kindzentrierte Sichtweise). Das heißt, die je spezielle Lebenssituation der untersuchten Altersgruppe, die jeweils anstehenden Entwicklungsaufgaben, aber auch die subjektive Wahrnehmung sind zu berücksichtigen. Dieser Anspruch ist abgeleitet aus den Prämissen der neueren Kindheitsforschung, aber auch aus den Aussagen der ExpertInneninterviews.
  2. Gleichzeitig muß der familiäre Zusammenhang, die Gesamtsituation des Haushaltes, berücksichtigt werden. Noch viel weniger als Erwachsene leben Jugendliche und vor allem Kinder als Monaden. Vielmehr ist ihre Lebenssituation in den meisten Bereichen von der Lebenslage der Eltern direkt abhängig.
  3. Eine Armutsdefinition für Kinder und Jugendliche ist notwendig mehrdimensional. Eine rein auf das (Familien-)Einkommen bezogene Armutsdefinition geht vollkommen an der Lebenswelt und den Entwicklungsaufgaben vorbei. Die einbezogenen Dimensionen müssen geeignet sein, etwas über die Lebenschancen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aussagen, um unterschiedliche Armutstypen bilden zu können.
  4. Gleichzeitig darf Armut nicht mißbräuchlich als Sammelbegriff für alle Formen von benachteiligenden Lebenslagen verwendet werden. Nur wenn eine materielle Mangellage vorliegt (wie immer auch diese definiert wird), soll von Armut gesprochen werden.

Diese Grundbedingungen mögen einfach, manche vielleicht sogar selbstverständlich erscheinen. An einem Beispiel sei jedoch erläutert, daß dies nicht der Fall ist: Im Rahmen der ExpertInneninterviews sprachen die AWO-MitarbeiterInnen vielfach von "emotionaler" und "sozialer" Armut (vgl. Kapitel 4.2). Viele der InterviewpartnerInnen machten deutlich, daß diese oft auch bei Kindern aus wohlhabenderem Elternhaus auftrete. Während diese Begriffsverwendung im Bereich Sozialer Arbeit kein Problem darstellt, muß die Armutsforschung deutlichere Grenzen zwischen Armut und anderen Formen sozialer Benachteiligung ziehen.

Auch die in Punkt 1 angesprochene kindzentrierte Sichtweise ist keinesfalls selbstverständlich. In vielen Publikationen zum Thema wird unter der Überschrift "Armut von Kindern" (so es einen solchen Abschnitt überhaupt gibt) viel von Kosten von Kindern, Sozialhilfezahlen und Kindern als Armutsrisiko für die Eltern gesprochen (beispielhaft: Dietz 1997), die Perspektive des Kindes beziehungsweise des Jugendlichen spielt jedoch keine Rolle.

B) Allgemeine Definition

Hier gilt es, auf der Basis der obigen Prämissen und mit Hilfe der bisherigen Vorarbeiten und existierender Konzepte eine Definition zu formulieren, die – zunächst unabhängig von der konkret untersuchten Altersgruppe und der Methode – eine Basis für spätere praktische Umsetzungen bildet.

Die bereits dargestellten Einflußfaktoren und allgemeinen Diskurse wurden in konkrete Festlegungen umgesetzt und sehen folgendermaßen aus:

  1. Armut wird definiert als die Unterschreitung einer relativen Einkommensgrenze. Armut ist damit definiert als relativ zum gesellschaftlichen Standard. Bezogen auf das Gesamteinkommen des Haushalts wird gemäß dem Konzepts der relativen Einkommensarmut berechnet, ob dieser unter einer bestimmten Armutsschwelle (vgl. nachfolgenden Punkt 2) bleibt.
  2. Die Armutsgrenze soll etwa bei 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens liegen.
    Zweierlei Gründe sprechen für die 60-Prozent-Grenze: Zum einen liegt das Sozialhilfeniveau – je nach Haushaltstyp – teilweise über der gängigeren 50-Prozent-Grenze. Es sollen jedoch alle Sozialhilfehaushalte als arm gelten. Der zweite, wichtigere Grund sind die neueren Erkenntnisse zum "prekären Wohlstand", die zeigen, daß knapp oberhalb der üblichen 50-Prozent-Grenze meist gleich schlechte Lebensbedingungen vorherrschen. Für eine "weiche" Grenzziehung ("etwa") sprechen forschungspraktische Gründe. Nicht immer lassen sich exakte (oder pseudo-exakte!) DM-Angaben abfragen, zum Teil muß auf Indikatoren zurückgegriffen werden, die nur eine ungefähre Einordnung oberhalb oder unterhalb der Armutsgrenze zulassen.
  3. Unabhängig von der beziehungsweise zusätzlich zur materiellen Lage des Haushalts/der Familie wird ermittelt, ob beim Kind materielle Armut vorliegt. Als weiteres objektives Kriterium für das Vorliegen von Armut gilt: Ist eine ausreichende materielle Basisversorgung (im Sinne "relativer Deprivation", vgl. Kapitel 3.1.7) beim Kind vorhanden? Ausgangspunkt ist der Gedanke, daß die gängige Annahme einer gerechten, gleichen Verteilung der materiellen Ressourcen auf alle Haushaltsmitglieder in Frage zu stellen ist. Dies gilt aus Sicht des Kindes sowohl im positiven wie im negativen Sinne: Es wird Haushalte geben, die, obgleich sie unterhalb der Armutsgrenze liegen, dem Kind eine ausreichende materielle Versorgung bieten (durch Einschränkungen bei den eigenen Ausgaben). Auf der anderen Seite gibt es Haushalte, die, obgleich sie mehr oder weniger deutlich über der Armutsgrenze liegen, dem Kind keine ausreichenden Ressourcen zur Verfügung stellen (können). Letzterer Fall ist zum Beispiel gegeben, wenn eine Suchtproblematik oder Überschuldung vorliegt. Sinnvoll erscheint es daher zu fragen: Was kommt beim Kind an? Die Empirie wird zeigen, wie oft und in welchen Fällen Armut aus familiärer Perspektive und Armut aus Kindperspektive zusammentrifft.
  4. Neben der materiellen Dimension werden die kulturelle und die soziale Dimension von Armut miteinbezogen. Von Armut soll jedoch nur gesprochen werden, wenn Deprivation im materiellen Bereich besteht. Liegen "nur" Defizite im Bereich kulturellen beziehungsweise sozialen Kapitals (Bourdieu) vor, so wird dies als Benachteiligung bezeichnet. Die für die Lebenschancen und -perspektiven vor allem von Kindern und Jugendlichen wesentliche Ausstattung mit kulturellem und sozialem Kapital (z.B. Bildung, Beziehungen/Netzwerke; vgl. Exkurs in Kapitel 3.1.3) wird systematisch – jeweils altersadäquat – miterfaßt. Es wird überprüft, ob und wieweit eine Benachteiligung im materiellen Bereich mit Benachteiligungen in anderen Bereichen einhergeht. Ein solches Vorgehen legen auch die Ergebnisse der ExpertInneninterviews nahe. Armutstypen sowie Typen sozialer Benachteiligung sollen empirisch erfaßt werden. Auch hier gilt wie bei Punkt 3: Relevant ist die Perspektive des Kindes: Was kommt beim Kind an? Das heißt unter anderem, daß der soziale Status der Eltern, ihr Bildungsstand etc. nur von begrenztem Interesse sind. Solche Angaben taugen bestenfalls als zusätzliche Indikatoren.

Die folgende Abbildung soll die Definition nochmals verdeutlichen. Neben der (traditionellen) familiären Perspektive bildet die Kindperspektive die notwendige zweite Betrachtungssäule. Links finden sich die – bereits beispielhaft erläuterten – grundsätzlichen Ebenen materiellen, sozialen und kulturellen Kapitals. Was unter "Materieller Unterversorgung", "Mangel an kulturellem Kapital" und "Mangel an sozialem Kapital" aus der Kindperspektive beziehungsweise bei Kindern und Jugendlichen zu verstehen ist, ist abhängig nicht nur von der betrachteten Altersgruppe, sondern auch von normativen Entscheidungen (wie der Armutsbegriff im allgemeinen). Die Grenzziehungen sind untersuchungsabhängig. In Kapitel 4.3.4 wird ein Beispiel für eine mögliche Umsetzung der hier allgemein formulierten Definition gegeben.

Literatur:

Dietz, Berthold (1997): Soziologie der Armut. Eine Einführung, Frankfurt am Main/New York.



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