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IV. Ein Armutskonzept für Kinder und Jugendliche
[Textauszug ISS-Zwischenbericht Kapitel 4.3]
Die Kapitel 3.1 bis 4.1 haben deutlich gemacht, daß es in
den letzten Jahren eine Vielzahl an Publikationen zum Thema Armut und den
Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen im allgemeinen gab. Ebenfalls
zunehmende Bedeutung hat die theoretische Kindheitsforschung erlangt (vgl. u.a.
James/Jenks/Prout 1998).
Es hätte eigentlich angenommen werden können, daß
ein Armutskonzept für Kinder und Jugendliche bereits entwickelt
beziehungsweise auf sie übertragen worden wäre. Dem ist jedoch nicht
so. Selbst umfangreiche Literaturstudien lieferten kein Konzept, auf das die
AWO-ISS-Studie hätte zugreifen können.
Im folgenden sollen deshalb die Grundpfeiler eines adäquaten
Armutskonzepts für die Betroffenengruppe "Kinder und Jugendliche"
entwickelt werden. Dies ist eine Pionierarbeit und stellt bereits die zentrale
erste Leistung der ISS-AWO-Studie dar. Die Diskussions- und Entwicklungsarbeit
war nur möglich durch eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen
theoretischen Ansätzen sozialwissenschaftlicher Forschung (Armuts- und
Kindheitsforschung sowie Bourdieuscher Ansatz) und zahlreichen empirischen
Arbeiten (u.a. den eigenen Vorarbeiten in Form der Experteninterviews) sowie der
intensiven Diskussion innerhalb des ISS-Projektteams.
A) Grundbedingungen
Als erstes ist die Frage zu stellen, welche Kriterien oder
Grundbedingungen diese Armutsdefinition erfüllen sollte. Es ist
von folgenden Prämissen auszugehen:
- Die Definition muß vom Kind beziehungsweise vom Jugendlichen ausgehen
(kindzentrierte Sichtweise). Das heißt, die je spezielle Lebenssituation
der untersuchten Altersgruppe, die jeweils anstehenden Entwicklungsaufgaben,
aber auch die subjektive Wahrnehmung sind zu berücksichtigen. Dieser
Anspruch ist abgeleitet aus den Prämissen der neueren Kindheitsforschung,
aber auch aus den Aussagen der ExpertInneninterviews.
- Gleichzeitig muß der familiäre Zusammenhang, die Gesamtsituation
des Haushaltes, berücksichtigt werden. Noch viel weniger als Erwachsene
leben Jugendliche und vor allem Kinder als Monaden. Vielmehr ist ihre
Lebenssituation in den meisten Bereichen von der Lebenslage der Eltern direkt
abhängig.
- Eine Armutsdefinition für Kinder und Jugendliche ist notwendig
mehrdimensional. Eine rein auf das (Familien-)Einkommen bezogene
Armutsdefinition geht vollkommen an der Lebenswelt und den Entwicklungsaufgaben
vorbei. Die einbezogenen Dimensionen müssen geeignet sein, etwas über
die Lebenschancen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aussagen, um
unterschiedliche Armutstypen bilden zu können.
- Gleichzeitig darf Armut nicht mißbräuchlich als Sammelbegriff für
alle Formen von benachteiligenden Lebenslagen verwendet werden. Nur wenn eine
materielle Mangellage vorliegt (wie immer auch diese definiert wird), soll von
Armut gesprochen werden.
Diese Grundbedingungen mögen einfach, manche vielleicht
sogar selbstverständlich erscheinen. An einem Beispiel sei jedoch erläutert,
daß dies nicht der Fall ist: Im Rahmen der ExpertInneninterviews sprachen
die AWO-MitarbeiterInnen vielfach von "emotionaler" und "sozialer"
Armut (vgl. Kapitel 4.2). Viele der InterviewpartnerInnen machten deutlich, daß
diese oft auch bei Kindern aus wohlhabenderem Elternhaus auftrete. Während
diese Begriffsverwendung im Bereich Sozialer Arbeit kein Problem darstellt, muß
die Armutsforschung deutlichere Grenzen zwischen Armut und anderen Formen
sozialer Benachteiligung ziehen.
Auch die in Punkt 1 angesprochene kindzentrierte Sichtweise ist keinesfalls
selbstverständlich. In vielen Publikationen zum Thema wird unter der Überschrift
"Armut von Kindern" (so es einen solchen Abschnitt überhaupt
gibt) viel von Kosten von Kindern, Sozialhilfezahlen und Kindern als
Armutsrisiko für die Eltern gesprochen (beispielhaft: Dietz 1997), die
Perspektive des Kindes beziehungsweise des Jugendlichen spielt jedoch keine
Rolle.
B) Allgemeine Definition
Hier gilt es, auf der Basis der obigen Prämissen und mit
Hilfe der bisherigen Vorarbeiten und existierender Konzepte eine Definition
zu formulieren, die zunächst unabhängig von der konkret
untersuchten Altersgruppe und der Methode eine Basis für spätere
praktische Umsetzungen bildet.
Die bereits dargestellten Einflußfaktoren und allgemeinen
Diskurse wurden in konkrete Festlegungen umgesetzt und sehen folgendermaßen
aus:
- Armut wird definiert als die Unterschreitung einer relativen
Einkommensgrenze. Armut ist damit definiert als relativ zum gesellschaftlichen
Standard. Bezogen auf das Gesamteinkommen des Haushalts wird gemäß
dem Konzepts der relativen Einkommensarmut berechnet, ob dieser unter einer
bestimmten Armutsschwelle (vgl. nachfolgenden Punkt 2) bleibt.
- Die Armutsgrenze soll etwa bei 60 Prozent des durchschnittlichen
Einkommens liegen.
Zweierlei Gründe sprechen für die
60-Prozent-Grenze: Zum einen liegt das Sozialhilfeniveau je nach
Haushaltstyp teilweise über der gängigeren 50-Prozent-Grenze.
Es sollen jedoch alle Sozialhilfehaushalte als arm gelten. Der zweite,
wichtigere Grund sind die neueren Erkenntnisse zum "prekären Wohlstand",
die zeigen, daß knapp oberhalb der üblichen 50-Prozent-Grenze meist
gleich schlechte Lebensbedingungen vorherrschen. Für eine "weiche"
Grenzziehung ("etwa") sprechen forschungspraktische Gründe. Nicht
immer lassen sich exakte (oder pseudo-exakte!) DM-Angaben abfragen, zum Teil muß
auf Indikatoren zurückgegriffen werden, die nur eine ungefähre
Einordnung oberhalb oder unterhalb der Armutsgrenze zulassen.
- Unabhängig von der beziehungsweise zusätzlich zur materiellen
Lage des Haushalts/der Familie wird ermittelt, ob beim Kind materielle Armut
vorliegt. Als weiteres objektives Kriterium für das Vorliegen von Armut
gilt: Ist eine ausreichende materielle Basisversorgung (im Sinne "relativer
Deprivation", vgl. Kapitel 3.1.7) beim Kind vorhanden? Ausgangspunkt ist
der Gedanke, daß die gängige Annahme einer gerechten, gleichen
Verteilung der materiellen Ressourcen auf alle Haushaltsmitglieder in Frage zu
stellen ist. Dies gilt aus Sicht des Kindes sowohl im positiven wie im negativen
Sinne: Es wird Haushalte geben, die, obgleich sie unterhalb der Armutsgrenze
liegen, dem Kind eine ausreichende materielle Versorgung bieten (durch Einschränkungen
bei den eigenen Ausgaben). Auf der anderen Seite gibt es Haushalte, die,
obgleich sie mehr oder weniger deutlich über der Armutsgrenze liegen, dem
Kind keine ausreichenden Ressourcen zur Verfügung stellen (können).
Letzterer Fall ist zum Beispiel gegeben, wenn eine Suchtproblematik oder Überschuldung
vorliegt. Sinnvoll erscheint es daher zu fragen: Was kommt beim Kind an? Die
Empirie wird zeigen, wie oft und in welchen Fällen Armut aus familiärer
Perspektive und Armut aus Kindperspektive zusammentrifft.
- Neben der materiellen Dimension werden die kulturelle und die soziale
Dimension von Armut miteinbezogen. Von Armut soll jedoch nur gesprochen werden,
wenn Deprivation im materiellen Bereich besteht. Liegen "nur" Defizite
im Bereich kulturellen beziehungsweise sozialen Kapitals (Bourdieu) vor, so wird
dies als Benachteiligung bezeichnet. Die für die Lebenschancen und
-perspektiven vor allem von Kindern und Jugendlichen wesentliche Ausstattung mit
kulturellem und sozialem Kapital (z.B. Bildung, Beziehungen/Netzwerke; vgl.
Exkurs in Kapitel 3.1.3) wird systematisch jeweils altersadäquat
miterfaßt. Es wird überprüft, ob und wieweit eine
Benachteiligung im materiellen Bereich mit Benachteiligungen in anderen
Bereichen einhergeht. Ein solches Vorgehen legen auch die Ergebnisse der
ExpertInneninterviews nahe. Armutstypen sowie Typen sozialer Benachteiligung
sollen empirisch erfaßt werden. Auch hier gilt wie bei Punkt 3: Relevant
ist die Perspektive des Kindes: Was kommt beim Kind an? Das heißt unter
anderem, daß der soziale Status der Eltern, ihr Bildungsstand etc. nur von
begrenztem Interesse sind. Solche Angaben taugen bestenfalls als zusätzliche
Indikatoren.
Die folgende Abbildung soll die Definition nochmals
verdeutlichen. Neben der (traditionellen) familiären Perspektive bildet die
Kindperspektive die notwendige zweite Betrachtungssäule. Links finden sich
die bereits beispielhaft erläuterten grundsätzlichen
Ebenen materiellen, sozialen und kulturellen Kapitals. Was unter "Materieller
Unterversorgung", "Mangel an kulturellem Kapital" und "Mangel
an sozialem Kapital" aus der Kindperspektive beziehungsweise bei Kindern
und Jugendlichen zu verstehen ist, ist abhängig nicht nur von der
betrachteten Altersgruppe, sondern auch von normativen Entscheidungen (wie der
Armutsbegriff im allgemeinen). Die Grenzziehungen sind untersuchungsabhängig.
In Kapitel 4.3.4 wird ein Beispiel für eine mögliche Umsetzung der
hier allgemein formulierten Definition gegeben.
Literatur:
Dietz, Berthold (1997): Soziologie der Armut. Eine Einführung,
Frankfurt am Main/New York.
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