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Die Geschichte der Kindertageseinrichtungen
Die Arbeiterwohlfahrt wurde am 14. Dezember 1919 als Hauptausschuss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gegründet. Mit der Gründung waren vor allem zwei Ziele verbunden:
- die Verhütung von Klassenarmut durch Bekämpfung ihrer Ursachen,
- die Entwicklung innovativer Sozialer Arbeit mit präventivem Charakter.
Diese beiden unterschiedlichen Motive spielten schon bei den Vorläufern der Arbeiterwohlfahrt eine erhebliche Rolle. Einer dieser Vorläufer, die Kinderschutzkommissionen legten ihren Schwerpunkt darauf, Industriebetriebe hinsichtlich der Einhaltung des Kinderschutzes zu überprüfen und notfalls anzuklagen. Mit dem gewonnenen Material sollte dann politisch für einen verbesserten Schutz der Kinder geworben werden.
Einen pädagogischen Charakter für die sozialistische Idee hatten dagegen die Kinderferienwanderungen als Vorläufer der Arbeiterwohlfahrt.
Die Gründung der Arbeiterwohlfahrt lässt sich aber allein über die Vorläufer nicht erklären. Einen ebenso wesentlichen Anteil an der Gründung der Arbeiterwohlfahrt hatte die sozialdemokratische Frauenbewegung mit ihrer Forderung nach rechtlicher Gleichstellung der Frau. Die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz sah in der Arbeiterwohlfahrt ein Angebot der Arbeiter für die arbeitende Bevölkerung. Die ersten Kindergärten gründete die Arbeiterwohlfahrt dann in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie orientierten sich an dem schon von der SPD im Kaiserreich geforderten Bildungsauftrages des Kindergartens. Am Ende der Weimarer Republik verfügte die Arbeiterwohlfahrt über insgesamt 55 Einrichtungen im Bereich der Kindergärten und Horte. Dem standen allerdings 8500 Einrichtungen in öffentlicher und anderer freier Trägerschaft gegenüber.
Ein einheitliches pädagogisches Profil der Kindergärten der Arbeiterwohlfahrt ist in dieser Zeit noch nicht zu erkennen. So gab es durchaus traditionelle Kindergärten, die die Fröbel- oder Montessoripädagogik favorisierten. Gleichzeitig gab es aber auch Versuche, eine sozialistische Pädagogik zu begründen. Hier standen Erziehungsgrundsätze im Vordergrund wie z.B.
- die Erziehung zu differenzierter Wahrnehmung der Natur und der Gesellschaft,
- Vertrauen in die Fähigkeit der Kinder, voneinander zu lernen und
- Beschränkung der Autorität der Erwachsenen.
Die Arbeiterwohlfahrt bemühte sich also gerade wegen der geringen Anzahl von Einrichtungen, pädagogische Institutionen mit Modellcharakter zu schaffen, um so eine fortschrittlichere Pädagogik zu forcieren.
Die Arbeit der Arbeiterwohlfahrt wurde aber sehr früh unterbrochen. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten verboten. Alle Einrichtungen wurden im Rahmen der Gleichschaltung von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt übernommen. Die bisherigen Konzeptionen wurden verworfen.
Kurz nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gründete sich am 3./4. Januar 1946 der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt erneut. Organisatorisch trennte sich die AWO von der SPD. Sie behielt aber durch das Bekenntnis zum freiheitlich-demokratischen Sozialismus programmatische Nähe zur SPD. Dieser freiheitlich-demokratische Sozialismus mit seinen Werten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit bildet bis heute das Leitbild der Arbeiterwohlfahrt.
Auch die Kindergärten wurden sehr schnell wieder eröffnet. In der sowjetischen Besatzungszone blieb die Arbeiterwohlfahrt allerdings verboten. Im Westen folgte die AWO ihrem obersten Ziel, der Entwicklung eines freien Menschen. Sie knüpfte damit an die Grundsätze der Weimarer Republik an. Der Kindergarten war für sie “Stätte der Erziehung, der Freude und der ungezwungenen Freiheit“. Demokratie lernen galt dabei als wesentliches Prinzip dieser Pädagogik.
In den “Richtlinien für die Planung und Führung von Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt” legte die AWO 1954 zum ersten Mal konkreter ihre Vorstellungen von Kindergartenarbeit nieder. Darin forderte sie:
- altersheterogene Einrichtungen ohne Auflösung der Gruppenstruktur (Krippe, Kindergarten, Hort),
- intensive Elternarbeit,
- die Öffnung zum sozialen Umfeld und für das soziale Umfeld sowie die
- Forderung nach ganztägigen Betreuungsangeboten.
Seit den sechziger Jahren baute die Arbeiterwohlfahrt dann ihr Angebot an Kindereinrichtungen bis in die achtziger Jahre hinein kontinuierlich aus.
Einen wesentlichen Einschnitt bildete der Zusammenbruch der DDR und die damit verbundene ideologische und pädagogische Umorientierung des Kinderbetreuungssystems. Die Arbeiterwohlfahrt unterstützte in dieser Phase die „Interessengemeinschaft erhaltet die Kindereinrichtungen in den neuen Bundesländern“. Sehr schnell baute die Arbeiterwohlfahrt dann auch hier ein System an Kindertageseinrichtungen aus. Sie verfügt heute im gesamten Bundesgebiet über ca. 1800 Einrichtungen und stellt sich als modernes Dienstleistungsunternehmen für alle Teile der Bevölkerung dar. Dabei wird der historische Bezug zu ihren Wurzeln nicht vernachlässigt.
Die Arbeit der Kindertageseinrichtungen der Arbeiterwohlfahrt ist aber immer auch abhängig von der jeweiligen fachpolitischen Situation dieses Feldes. Diese ist zur Zeit z.B. gekennzeichnet durch Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse und durch Marktöffnung. Das bedeutet, dass von einer gesicherten Finanzierung der Kindertageseinrichtungen nur noch partiell gesprochen werden kann. Vielmehr stehen Tageseinrichtungen für Kinder vor der Herausforderung, ihre Kunden, in erster Linie Kinder, Eltern und als Zuschussgeber der öffentliche Träger ein auf sie individuell angepasstes Angebot zu präsentieren. Immer mehr geht die Entwicklung auch im Kindertageseinrichtungsbereich dahin, dass finanzielle Forderungen sich auf belegbare Qualität bezieht Dies gilt für alle drei im Kinder und Jugendwohlfahrtsgesetz genannten Bereiche Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder in den Tageseinrichtungen.
Obgleich die Arbeiterwohlfahrt den Kürzungen ablehnend gegenüber steht, sieht sie in der Marktöffnung aber auch Chancen. Verstärkter Wettbewerb unter den Trägern und unter den Kindertageseinrichtungen selbst führt auch zur Berücksichtigung jüngerer und älterer Altersgruppen in der Planung. Gleichzeitig erfordert Wettbewerb eine noch stärkere Orientierung der Arbeit an den Bedürfnissen der Familien und an fachlich legitimierten Standards. Die Arbeiterwohlfahrt begegnet dieser Entwicklung mit einem umfassenden Qualitätsmanagementsystem hier links zu Werte, Ziele, Konzept u. Qualitätsentwicklung.
Gleichzeitig versucht sie, Nutzen aus ihrem umfassenden Angebot an Dienstleistungen vor Ort zu ziehen und diese miteinander zu vernetzen. Gemeinwesenorientierte Kinderhäuser in denen Familien und ihren Kindern Betreuungs-, Bildungs-, Freizeit- und Hilfsangebote ebenso zur Verfügung stehen wie Räume zur selbstorganisierten Freizeitgestaltung, sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Arbeiterwohlfahrt wird diesen Weg gehen.

